Unser Haus an der
Este
Vergangenheit und Gegenwart wieder
im Einklang.

Copyright 2005 by Fred
Lang
Unser Haus auf dem Estedeich im Ortskern
von Jork-Estebrügge ist Teil eines unter Denkmalschutz stehenden Ensembles
alter Häuser, der so genannten Bürgerei.
Es handelt sich um die ehemalige Bäckerei
Wriede, deren letzter Besitzer sie aus Altersgründen im Jahre 1977
an seinen Nachfolger aus Buxtehude verkaufte. Von ihm haben meine Frau
und ich zwei Jahre später das Haus erworben, nachdem zuvor die Bäckerei
eingestellt worden war.
Mit seiner detailreichen Giebelfront
aus rotem Ziegelmauerwerk, noch originalen Sprossenfenstern, die in den
hier üblichen Farben grün und weiß gestrichen sind, ist
es sicher ortsbildprägend und eines der schönsten Häuser
von Estebrügge.
Im Oberlicht der gleichfalls unter
Denkmalschutz stehenden Eingangstür steht der Name "Wriede" in Verbindung
mit einer Krone und einer Bretzel.
Das Haus besitzt ein Mansarddach und
ermöglicht so ein zusätzliches, vollwertiges Stockwerk mit leicht
schrägen Seitenwänden, und mit nur geringfügig verminderter
Grundfläche gegenüber dem Erdgeschoss. Diese preiswerte und auch
praktische Bauweise ist nach der neuen Gestaltungssatzung seltsamerweise
nicht mehr erlaubt, obwohl viele alte Häuser in Jork und Umgebung
diese Dachform noch aufweisen. Die Seitenwände und der rückwärtige
Giebel sind in ortsüblicher Fachwerkbauweise ausgeführt.
Ein unmittelbar an das Haupthaus grenzender
Anbau zur Este hin diente über viele Jahre zur Lagerung von Torf als
Brennmaterial für den Backofen. Auch er besitzt ein Mansarddach und
wirkt dadurch wie eine verkleinerte Kopie des Haupthauses. Insgesamt ergeben
sich ca. 400 m² Wohn- und Nutzfläche; von den beiden nicht ausgebauten
Dachböden einmal abgesehen. Hinzu kommt ein kleiner Garten, der durch
seine Lage direkt am Fluß eine besondere Atmosphäre besitzt.
Bauzeichnungen oder Baupläne liegen
leider nicht mehr vor. Es gibt nur noch eine handgefertigte alte Flurkarte
bzw. einen Kartenauszug aus den Jahren 1909/1884.
Die klassizistische, zweiflügelige
Haustür wird dem 18. Jahrhundert zugeordnet, das zugehörige Oberlicht
dem Jahre 1818. Das Haus steht aber schon viel länger auf dem Deich
und hatte früher vermutlich auch zur Straße hin einen Fachwerk-Giebel.
Bedingt durch seine Ausrichtung nach Westen, und dadurch ungünstigen
Witterungseinflüssen extrem ausgesetzt, hat man wohl später diese
Bauweise aufgegeben.
Mit dem Erwerb des Hauses im Jahre
1979 kamen aber auch viele Probleme und unvorhergesehene Schwierigkeiten
auf die neuen Besitzer zu. In Bezug auf die dringend erforderliche Renovierung
waren wir damals auch noch sehr unerfahren.
Alles fing damit an, dass das zuständige
Finanzamt eine erhebliche Steuerzahlung forderte, da es nicht von dem Kauf
eines Wohngebäudes ausging, sondern von einem damit verbundenen Gewerbebetrieb.
Erst nach nervenaufreibenden Tagen und einem aufwendigen Schriftverkehr
blieb uns eine Zwangspfändung erspart.
Beinahe jeden Tag gab es nun böse
Überraschungen für uns. Zum Beispiel waren Teile des Balkenwerks
wurmstichig oder verrottet, da in den vergangenen Jahren so gut wie nichts
zur Werterhaltung unternommen worden war. Die durch hohe Wasserstände
der Este durchfeuchteten Wände, vor allem die Fundamente, konnten
nie richtig austrocknen. Hinzu kamen Wasserschäden, die von einem
undichten Dach aus früheren Jahren herrührten und nie beseitigt
wurden. Die häufig feuchtwarme Luft der Bäckerei schuf außerdem
ideale Bedingungen für eine üppige Vermehrung der verschiedensten
Schädlinge. Hausschwamm hatte sich allerdings noch nicht ausgebreitet,
dafür aber eine unglaubliche Menge von Kakerlaken, die wir noch nach
Jahren gelegentlich in irgendwelchen Winkeln und Ritzen entdeckten! Alles
war ungepflegt und teilweise in einem jammervollen Zustand. Vieles war
einfach mit Farbe zugeschmiert worden nach dem Motto: "Außen hui,
innen pfui!"
Außerdem hatte der Vorbesitzer
damit begonnen, teilweise die Fenster - auch zur Straße hin! - durch
Glasbausteine zu ersetzen und einige Innenwände im Verlauf einer wahren
Verkleidungsorgie mit Rigipsplatten zu "verschönern". Zum Beispiel
entdeckten wir hinter einer solchen Platte eine originale Alkovenwand im
Empirestil: mit kleinen Fenstern und einer zum Teil verglasten, zweiflügeligen
Innentür, sowie einer zusätzlichen Schranktür! Leider hatte
man die überstehenden Verzierungen einfach abgesägt, um so die
Rigipswand besser anbringen zu können. Im Altonaer Museum in Hamburg
befindet sich übrigens eine zweite, genau gleiche Tür!
Nach
unten
Natürlich hatten wir vor dem Hauskauf
das relativ positiv verfasste Gutachten eines dieser üblichen Sachverständigen
gelesen. Es war aber auch klar, dass ein gehöriges Stück Arbeit,
vor allem auch Ausdauer von uns verlangt werden würden. Ein günstiger
Kaufpreis und die Ahnung, dass sich die Mühe lohnen würde, gaben
dann endgültig den Ausschlag zum Kauf. Es galt, den in Resten immer
noch vorhandenen Charme dieses Hauses und seine ureigene Atmosphäre
möglichst bald, aber auch sehr behutsam im wahrsten Sinn des Wortes
wieder zu beleben!
In dieser ersten Zeit waren wir allerdings
oft verzweifelt und mutlos. Wir hatten das Gefühl, uns mit dem Kauf
des Hauses übernommen zu haben. Es erschien uns als eine zu große
Aufgabe. Hin und wieder wurde sogar schon davon gesprochen, alles aufzugeben.
Unsere finanziellen Mittel waren erschöpft, und über die doch
jetzt so dringend nötigen überdurchschnittlich großen handwerklichen
Fähigkeiten verfügten wir beide auch nicht.
Eine alte chinesische Weisheit lautet
aber:
"Auch ein großes Werk beginnt
immer mit dem ersten Schritt!"
Diese Erkenntnis half uns über
die kritische Zeit hinweg und hat sich seither fest eingeprägt, weil
sie in unserer Situation den Schlüssel zum Erfolg lieferte.
Wir konnten, vor allem aus finanziellen
Gründen, nur langsam vorgehen und merkten bald, dass dieser anfängliche
Nachteil sich im Laufe der Zeit in einen großen Vorteil verwandelte.
Durch eine in solchen Fällen leider oft übliche, mehr oder weniger
radikale, so genannte "Entkernung" hätten wir unserem Haus seinen
ureigenen Charakter genommen und es wäre nur noch eine schöne
Fassade übrig geblieben!
So wurde zum Beispiel die durch das
frühere Gewerbe bestimmte Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsbereich
beibehalten. Die ehemalige Backstube wird heute nach ihrer Renovierung
- der unschöne moderne Dampfbackofen wurde abgerissen - als Atelier
und Hausarbeitsraum genutzt. Ein uriger alter Kaminofen aus einer Schiffswerft
sorgt seitdem für wohlige Wärme. Vor allem, wenn an dem langen
Holztisch unsere Gäste es sich so richtig gemütlich machen wollen.
Auch die ehemalige kleine Küche
im Souterrain wurde wieder zu einem Mittelpunkt des häuslichen Lebens
hergerichtet. Ein alter, aber noch funktionstüchtiger eiserner Herd
mit drei Kochstellen fand hier wieder seinen angestammten Platz. Der praktische
und originale Fußboden aus Terrazzo-Fliesen, mit Holz verkleidete
Wände und alte Deckenbalken schaffen als unverzichtbare Zutaten eine
gemütliche Atmosphäre. Zwei kleine Sprossenfenster lassen allerdings
nicht allzu viel an Tageslicht herein.
Nachträgliche Anmerkung:
Inzwischen haben wir aus praktischen Gründen die frühere Backstube
als Wohnküche eingerichtet.
Auch Außenarbeiten gab und gibt
es in Hülle und Fülle. Da mussten zum Beispiel fast alle Fenster
neu gekittet und gestrichen, die Türen und Wände saniert und
das Fachwerk ausgebessert werden. Und die Arbeit hört niemals auf!
Sie hat sich aber - so denke ich - für uns gelohnt und sie wird hoffentlich
auch künftig in unserem Sinne von späteren Generationen weiter
fortgesetzt werden.
Hierbei soll immer ein anderer schöner
Spruch gelten, der für das alte Haus wie auf den Leib geschneidert
passt, und den ich erst im Laufe der Zeit so richtig verstanden habe: "En
beten schev hat Gott lev!"
Fred Lang |