Nr. 1
Anmerkungen zur "Duldungsstarre"
bei weiblichen Schweinen
Wie Eingeweihten bekannt, bewirkt ein
Duftdrüsen-Sekret des Ebers bei brünstigen Säuen eine völlige
Apathie. Für seine eindeutigen Absichten ist das eine sehr geeignete
Verhaltensweise, kann er sich doch erst jetzt seiner immer schönen
und auch so wichtigen Lieblingsbeschäftigung ungestört widmen.
Es handelt sich hierbei um die sogenannte Duldungsstarre.
Nach neuesten Forschungsergebnissen
aus den USA steht nun eine im zwischenmenschlichen Bereich anwendbare Variante
des schweinischen Duftstoffes in Kürze vor dem Durchbruch.
Allerdings regen sich schon erste Proteste
gegen die Markteinführung. Ethisch, moralische Bedenken sind auch
angebracht, wenn man bedenkt, dass in der praktischen Anwendung dem menschlichen
Eber nur wenige Tropfen genügen, um ungehemmt und hemmungslos seinen
schweinischen Trieben frönen zu können.
Nach allerneuesten Forschungsergebnissen
- diesmal aus Belutschistan - arbeitet eine sehr engagierte Gruppe von
Forscherinnen an der Extrahierung eines Duftdrüsen-Sekrets, nun aber
vom weiblichen Schwein, welches dem schnüffelnden Eber Lustmangel
und fehlende Empfängnisbereitschaft signalisiert. Bisher haben die
Eber entsprechend reagiert und sind leicht frustriert davon gezogen.
Wie sich allerdings Versuchspersonen
männlichen Geschlechts verhalten werden, ist noch nicht endgültig
geklärt. Es steht zu vermuten, dass zumindest einigen Exemplaren dieser
Gattung die vom Objekt ihrer Begierde vorgetäuschte Lustlosigkeit
oder gar die mangelnde Empfängnisbereitschaft völlig schnuppe
sind, und sie sich ganz auf die Wirkung ihrer eigenen, vermutlich teuren
Tropfen, verlassen werden.
Nun ist es auch nicht jedermanns Sache,
sich mit einer erstarrten und völlig apathischen Frau zu vergnügen.
Und was einem Schwein recht ist, sollte einem Menschen nicht billig sein.
Was würde uns sonst von den im übrigen recht sympathischen Tieren
unterscheiden?
Inzwischen ist ja bekannt, dass das
schweinische Herz dem menschlichen aus medizinischer Sicht sehr ähnelt,
ja, dass sogar schon seine Transplantation von fortschrittlichen Chirurgen
ins Auge gefasst wird. Bisher allerdings nur in einer Richtung, nämlich
zum Wohle des menschlichen Patienten und nicht umgekehrt!
Warum eigentlich nicht? Die Frage sei
erlaubt, aus welchen ethischen oder moralischen Gründen man einem
armen, herzkranken Schwein das lebensrettende menschliche Gegenstück
nicht implantieren sollte. Zumal alle schweinischen Menschen ja sowieso
schon ideale Voraussetzungen erfüllen und post mortem wenigstens einmal
etwas Gutes bewirken könnten.
Man wird dann allerdings damit rechnen
müssen, dass bestimmte - mehr wirtschaftlich orientierte Gruppen -
sich vehement gegen diese humane Idee wenden werden. Ich denke da natürlich
in erster Linie an die Fleischwarenindustrie, die starke Umsatzeinbußen
befürchten muß. Wer isst noch Schweinefleisch, wenn in der Brust
des ermordeten Tieres ein menschliches Herz geschlagen hat? Im umgekehrten
Fall könnten nur Kannibalen die Frage definitiv beantworten, die aber
schon rein zahlenmäßig für die Industrie nicht so wichtig
sind.
Wie man sieht, ist das ganze Thema
sehr komplex und meine Anmerkungen dazu sind nur als kleines Mosaiksteinchen
im großen Puzzle gedacht.
Vielleicht ist eine verständnisvollere
Einstellung gegenüber unseren schweinischen Artgenossen ein erster
Schritt zur Annäherung.
©Copyright by Fred
Lang
Leserbrief:
Aus diesem schönen
Stückchen Satire habe ich zweierlei Dinge gelernt:
Erstens: Als sex-übersättigtes
Weibchen (Sex, Sex und nochmals Sex, auf jeder Zeitung, auf jedem Fernsehkanal,
sogar bei Donald Duck; gepaart mit der Frage, ob man denn auch oft genug
und lange genug und ob die Stellung auch fantasievoll gestaltet war und
ob man nächstes Mal nicht doch lieber die Lustkugeln und die Gummistrapse
und oh, war das etwa nur ein vaginaler Orgasmus wo zum Teufel habe ich
nur meinen G-Punkt gelassen, und welche Stellung empfiehlt der Kamasutra-Kalenderspruch
für heute) SEHR an einem lusttötenden, Mangel an Begeisterung
energisch durchsetzenden Duftspray interessiert bin;
zweitens: dass ich der
erste Mensch sein werde, der statt "ich bremse auch für Tiere" einen
Aufkleber mit der Aufschrift "Organspender für Schweine - bei Unfall
bitte Ehemann und nächste Veterinärdienststelle benachrichtigen"
auf dem Auto kleben haben wird."
Gwenhwyfar
hsanda@web.de
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Schweinische
Stimulation
Copyright Katja Knappe
2006
Auf diesem Bild geht es
übrigens bezüglich der "Duldungsstarre" genau
umgekehrt zu.
Die Sau hat die
Initiative ergriffen. Das ist wahre Emanzipation!
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Neueste
Forschungsergebnisse
Ein Herz aus Schwein
für kranke Menschen.
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Nr. 2
Kalte Wangen,
heiße Zangen
Die etwas andere Art
der Goldgewinnung.
An diesem nebligen und nasskalten Novembertag
waren es 74 Jahre, 9 Monate und 27 Tage her, dass ein besonders energischer
Samenfaden eines menschlichen Männchens sich in die eher passive Eizelle
eines Weibchens bohrte. Nach kurzer Zeit verursachte dieser "Überfall"
eine enorme Zellteilung, die ihren Höhepunkt und vorläufigen
Abschluss heute vor genau 74 Jahren durch eine sogenannte Zangengeburt
erreichte. Von diesem so praktischen Instrument wird auch gegen Ende dieser
kleinen Geschichte noch einmal berichtet, dann allerdings von erheblich
schmerzhafteren Begleitumständen für den Betroffenen.
Das Produkt all dieser Bemühungen,
Johann K., lag auf der Krankenstation eines jener Altenheime, in denen
vorwiegend nach der Devise: "Sauber, satt und still" im Umgang mit den
bedauernswerten Insassen gehandelt wird. Herr K. hatte von Nachtschwester
Ingeborg als Geburtstagsgeschenk eine Morphiumspritze bekommen und dämmerte
nun relativ ruhig vor sich hin. Sein baldiger Abschied von einer Welt,
in der er sich nie so recht wohl gefühlt hatte, stand unmittelbar
bevor. Die ehemaligen Eigentümer jenes so eifrigen Samenfadens und
der eher passiven Eizelle hatten schon vor längerer Zeit ihre Produktion
eingestellt und waren bald darauf gestorben. Herr K. hatte gelegentlich
versucht, seine Samenproduktion anzukurbeln, war damit aber bei den Eizellen
erfolglos geblieben.
Heute stand bzw. lag er ganz allein
in einer Welt, die auch nicht eine Sekunde aus dem Takt geriet, als er
sich am Nachmittag, satt und still, aber nicht ganz sauber, auf seine letzte
Reise begab. Sie war nicht sonderlich weit und führte zunächst
in einen Abstellraum am Ende des Flures. Lernschwester Lisa hatte den soeben
Verblichenen dort abgestellt und das Fenster weit geöffnet, da sie
in Bezug auf bestimmte Gerüche immer noch etwas empfindlich reagierte.
Im übrigen war sie die Einzige, die nun so etwas wie Bedauern empfand.
Hatte doch der jetzt so starre Leib vor nicht allzu langer Zeit unter ihren
geschickten Händen gewisse Wohltaten erfahren. Diese führten,
besonders bei einem bestimmten Körperteil, zu beeindruckenden Zuckungen,
ja sogar manchmal zu einer erstaunlichen Höhe und Festigkeit!
Diese für beide Seiten so angenehme
Beziehung war nun leider unwiderruflich beendet und sie hatte jetzt ein
Problem.
Es gab da einen sehr agilen Herrn,
mittlerweile schon in den "Neunzigern", der aber bei weitem nicht so großzügig
war wie der verstorbene Herr K. Dieser Herr S. hatte ihr sogar mit einer
Anzeige gedroht, wenn sie sich nicht auf einen Rabatt einlassen würde.
Außerdem stellte er in maßloser Selbstüberschätzung
perverse Forderungen, die über ihre übliche "Handarbeit" weit
hinaus gingen.
All diesen so menschlichen Überlegungen
weit entrückt wurde Herr K., bzw. seine sterblichen Überreste,
einer flüchtigen Untersuchung unterzogen und man bestimmte eine Kühlkammer
im Keller zu seinem nächsten, allerdings nur befristeten Aufenthalt.
Hierher verirrten sich nur selten Heimbewohner. Und wenn es doch einmal
geschah, wurden sie von Heinz, dem Hausmeister, schnell wieder in ihre
fast genauso ungemütlichen "Wartezimmer" in den oberen Stockwerken
geleitet. War ihre Zeit endgültig abgelaufen, wurden sie - diesmal
aber in liegender Haltung - wieder von ihm hierher zurückgebracht.
Heinz war ein richtiger Tausendsassa.
Er übte seinen Job schon lange Zeit aus und er war sehr erfinderisch,
wenn es darum ging, sein nicht gerade fürstliches Gehalt aufzubessern.
Seine derzeitige Freundin Lisa versorgte ihn mit präzisen und wichtigen
Informationen über seine kühlen Gäste. Wenn jemand, wie
z.B. unser Herr K., keine Angehörigen hatte und ein spurloses Ende
im Verbrennungsofen bevorstand, ging er folgendermaßen vor.
Zunächst wurde dem Toten eine
Art Maulsperre verpasst. Sie war seine eigene Erfindung und erlaubte ein
weitgehend unbeschränktes Hantieren mit einer speziellen Zange, die
er für 51 Euro, incl. Mehrwertsteuer, über den einschlägigen
Versandhandel erworben hatte. Die so fixierte Mundhöhle war dann weit
geöffnet und im Schein einer billigen Taschenlampe konnte er ohne
große Mühe das sehen, wonach er suchte. Der Rest war für
den routinierten Leichenfledderer eine Kleinigkeit. Mit einer eleganten
Drehung und gleichzeitigem Zug seiner Zange beförderte er so mehrere
Goldzähne in einen kleinen Eimer. Das wurde jedesmal von einem zunächst
knirschenden Geräusch, gefolgt von einem hellen Klingelton, begleitet.
Dies war Musik in den Ohren des Hausmeisters und im Laufe der Zeit hatte
er sich auf diese Weise einen schönen Vorrat an Zahngold verschafft.
Die Idee zu seinem Nebenerwerb war ihm übrigens beim Besuch einer
Holocaust-Ausstellung gekommen.
Dort wurde anschaulich berichtet, wie
die Schergen Hitlers diese Art von Goldgewinnung im großen Stil und
mit staatlicher Billigung in den Konzentrationslagern betrieben hatten;
wobei die Häftlinge zu dieser makabren Arbeit allerdings gezwungen
wurden.
Heute war Heinz nicht ganz bei der
Sache und er hatte Schwierigkeiten mit dem letzten Goldzahn, dem offenbar
nicht daran gelegen war sich auf so brutale Weise von seinem angestammten
Platz entfernen zu lassen. Schon mehrfach war die Zange abgerutscht und
hatte dabei hässlich aussehende Spuren in der Mundhöhle verursacht.
Der Fledderer bemerkte übrigens nicht, dass die vormals wächserne
Gesichtsfarbe des Toten inzwischen einen frischen, rosafarbenen Ton bekommen
hatte und der Körper sich leicht aufbäumte. Schwitzend und mit
hochrotem Gesicht unternahm er einen letzten Versuch, diesen hartnäckigen
Widerstand zu brechen. Die Fingerknöchel seiner gewaltigen Faust schimmerten
weiß und die Adern traten deutlich hervor. Mit einem gewaltigen Ruck,
verbunden mit einer diesmal nicht so eleganten Drehung, hatte er endlich
Erfolg.
Was nun geschah, wird von Ohren- und
Augenzeugen wie folgt beschrieben. Demnach soll ein gellender, nicht endenwollender
Schrei auch den letzten Heimbewohner aufgeschreckt haben. Den herbeigelaufenen
Insassen bot sich ein gespenstisches Bild. Johann K. stand hochaufgerichtet
in seinem viel zu langen Totenhemd vor seinem Bett. Die Maulsperre hatte
seinen Mund, aus dem jetzt nur noch krächzende Laute kamen, unnatürlich
weit geöffnet; was die grauenvolle Wirkung auf die Anwesenden noch
erhöhte. Mit anklagender Gebärde zeigte er auf seinen Peiniger,
der am Boden lag und dessen Gesicht inzwischen eine gelblich wächserne
Färbung angenommen hatte.
Dem im wahrsten Sinn des Wortes wieder
Auferstandenen war offenbar völlig gleichgültig, dass er nun
zum zweiten Mal einer Zange sein Leben verdankte.
Er wollte es nicht mehr.
© Copyright by Fred
Lang
Copyright by Michael Blümel
Kommentare:
"Hallo Fred,
Lang :-) nicht mehr gelesen,
aber spare mir immer gern ein paar textliche Leckerli auf, die ich dann
an finsteren Herbsttagen aus den verborgenen Ecken dieser multimedialen
Regale pflücke. An diesem hier habe ich viel Spaß gehabt (wenn
ich auch hier und da beim Lesen ein unangenehmes Reißen in den Backenzähnen
verspürte).
Ich bin mal wieder verblüfft,
wie man so reizend und witzig unterschwellige Kritik am Gesundheitssystem
üben und ganz nebenbei äußerst interessante Einblicke in
die unbeleuchteten Keller der menschlichen Natur geben kann."
Trainspotterin@gmx.net
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"Hallo Fred,
es ist eine Kunst für
sich, eine makabre Geschichte gut zu erzählen. Und du hast mich mit
deiner Geschichte vollkommen davon überzeugt, dass du diese Kunst
beherrschst! Dein naiv-neutraler Ton ist der Hammer! Und auch die gedoppelte
Struktur der zweimaligen Zangengeburt finde ich gelungen und unerwartet.
Sind die literarischen Anspielungen beabsichtigt? (Herr K. hat mich an
Kafka und die helfende Hand der Krankenschwester an Irving erinnert?!)
Einzige Beanstandung:
Herrn S. würde ich streichen, er hat eigentlich nichts mit den anderen
und mit dem weiteren Verlauf der Geschichte zu tun. Ich glaube, dadurch
wäre die Geschichte noch ein wenig runder.
Ganz liebe Grüße,
Niko
Edit: ... nachdem es nochmal
kräftig in meinem Oberstübchen gerattert hat, weiß ich
jetzt, mit wessen Art zu schreiben ich deine Geschichte vergleichen würde:
Roald Dahl!
Nikola H.
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Nr. 3
Eine wundersame Wandlung
Hermann L. hatte 61 Jahre lang auch
nicht im Entferntesten an die Möglichkeit gedacht, dass etwas plötzlich
nicht mehr so einfach und selbstverständlich laufen würde wie
er es bisher gewohnt war. So ganz nebenbei konnte es in letzter Zeit allerdings
schon mal passieren, dass der eine oder andere Tropfen sozusagen "verloren“
ging und auch die Meisterschaft früherer Jahre in bezug auf Intensität
und absolute Treffsicherheit wurde nur noch selten erreicht.
Bei diesen traurigen Anlässen
dachte er voller Wehmut an die kindlichen "Doktorspiele" zurück, in
deren Verlauf alle daran beteiligten Jungen bis auf eine Ausnahme
- Phimose im postoperativen Stadium - den Mädchen in der sportlich
durchgeführten Disziplin des so genannten "Weit- und Zielstrullens"
deutlich überlegen waren. Dies führte dann oft zum sofortigen
Abbruch der im übrigen hoch interessanten Übungen, da die Verliererinnen
durch diese häufigen Niederlagen sehr frustriert waren und jegliches
Interesse an noch weitergehenden Forschungen, bzw. mehr allgemeinen Untersuchungen
verloren hatten.
An dieser Stelle soll auch kurz auf
die in jüngerer Zeit allerdings heftig umstrittene "Penisneid-Theorie"
von Altmeister Siegmund Freud hingewiesen werden, wonach Frauen zumindest
zeitweise den Männern ihr primäres Geschlechtsorgan nicht gönnen
und es lieber selbst hätten.
Auch in späteren Jahren hatte
das Bild eines aufrecht stehenden und versonnen vor sich hin strullenden
Mannes für L. eine gewisse Faszination. Vor allem dann, wenn der bernsteinfarbene
Strahl in einem langen und schönen Bogen genau in das vorgesehene
Ziel traf. Dies alles vermittelte ihm ein Gefühl großer Gelassenheit,
ja sogar einer gewissen Souveränität im Umgang mit der normalerweise
eher banalen Verrichtung.
Besonders schöne Erinnerungen
hatte er an die nicht gerade seltenen Gelegenheiten, wenn er diesem dringenden
Bedürfnis in der Natur freien Lauf lassen konnte. Vielleicht spielten
hierbei auch gewisse Urinstinkte eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Gehört doch im Reich der Säugetiere die Markierung des eigenen
Herrschafts- und Einflussbereiches zu den vordringlichsten und wichtigsten
Verhaltensweisen des Männchens. Vollends erhärtet wird diese
Ansicht durch das im Verlaufe dieses Rituals geradezu automatische Aufsuchen
eines Baumes, der einerseits als markanter Duftträger dient, andererseits
zusätzlich aber auch einen gewissen Schutz vor eventuellen Angriffen
ehemaliger und somit besonders eifersüchtiger Revierinhaber bietet.
Schließlich befindet Mann sich doch in einer vergleichsweise wehrlosen
Position, die zu einem heimtückischen Überfall ermutigen könnte.
Es soll auch schon Bisse tollwütiger Füchse gegeben haben.
An diesem für Hermann L. denkwürdigen
Abend im November befand er sich plötzlich und vollkommen unerwartet
selbst in einer Situation, von der er bis dato nur vom Hörensagen
Kenntnis hatte.
Nach dem Genuss zweier gut gekühlter
Biere blieb nämlich die bisher immer als ganz selbstverständlich
empfundene zeitlich versetzt vollzogene "Erleichterung" aus und führte
nach anfänglicher Verblüffung über die ungewöhnliche
Situation zu einer unbestimmten Furcht, die sich im Laufe der folgenden
Stunden zu einer regelrechten Panik entwickelte. Eine ärztliche Diagnose
war schnell gestellt: Akute Harnverhaltung bei vorhandenem Prostata-Adenom
in schon fortgeschrittenem Stadium!
Eine eilig vorgenommene Katheterisierung
im Krankenhaus führte nur zu einem kurzzeitigen Erfolg und musste
bald durch eine sogenannte "Ballon-Katheterisierung" ersetzt werden.
Hierbei wird ein Plastikschlauch durch
die untere Bauchwand auf direktem Weg in die Harnblase gelegt. Dort verhindert
ein kleiner Ballon das versehentliche Herausrutschen der neuen Leitung.
Am sichtbaren anderen Ende des Schlauches befindet sich ein Ventil, das
wie ein ganz normaler Wasserhahn betätigt werden kann. Über einen
Adapter können verschiedene Beutel angeschlossen werden.
Es gehört nicht viel Phantasie
dazu sich vorzustellen, was der so bedauernswerte Mann nach all diesen
Manipulationen fühlte und die Ahnung, dass er sich zu diesem Zeitpunkt
erst ganz am Anfang seiner Leidenszeit befinden würde, machte die
Sache nicht besser.
Nach langwierigen Tests und zermürbendem
Warten auf negative, oder weit schlimmer, positive Untersuchungsergebnisse
fand sich der Patient nach einer ihm unendlich erscheinenden Wartezeit
auf der Station Uro 1 im vierten Stock des Krankenhauses wieder. Er fühlte
sich hilflos und allein gelassen.
In der Schilderung aller Maßnahmen
fortzufahren, die nun dringend geboten erschienen und letztlich zur wundersamen
Bekehrung des Stehpinklers Hermann L. von einem bisher so „standhaften“
Saulus zu einem künftig auf der Toilette sitzenden Paulus führten,
würde das vielleicht jetzt noch vorhandene Mitgefühl des bisher
geduldigen Lesers zu sehr strapazieren. Daher werden die im übrigen
uninteressanten Details einer teilweisen Resektion der Prostata inklusive
einer alle Beteiligten sehr überraschenden nachfolgenden Übernachtung
auf der Intensivstation nicht näher beschrieben. Zumal Hermann L.
verständlicherweise nur über sehr verschwommene und mehr in den
Bereich der Träume gehörende Erinnerungen verfügt.
Viel aufregender und interessanter
gestalteten sich die nachfolgenden Tage und Nächte. Vergleichbar mit
einem Fegefeuer, das im Gegensatz zum Aufenthalt in der Hölle immer
noch eine Art Hoffnung bedeutet.
Auf den ersten und vermutlich auch auf
den zweiten Blick unterscheidet ein Uroflow, vom Pflegepersonal liebevoll
"Flowchen" genannt, sich in nichts von einer normalen Toilette. Kurz gesagt
geht es darum, durch die Messung der in einer bestimmten Zeit geflossenen
Harnmenge und seiner Intensität einen genauen Aufschluss in Form einer
grafischen Kurve zu bekommen. Hierbei müssen vorgegebene Standards
erreicht und über mehrere Tage eingehalten werden. Außerdem
wird anschließend die nicht abtransportierte Restharnmenge erfasst.
Auch sie darf einen ganz bestimmten Wert nicht übersteigen.
All dies ist hervorragend geeignet,
den Delinquenten in die furchtbaren Abgründe der Verzweiflung und
Hoffnungslosigkeit zu stürzen und somit das erfolgreiche Überwinden
der letzten und alles entscheidenden Hürde vor einer Entlassung zu
verhindern. Ein mehrmaliges Versagen hätte nämlich eine erneute
Operation zur unausweichlichen Folge gehabt!
An der Tür des Uroflows fällt
übrigens noch auf, dass gelegentlich ein nicht zu übersehender
flackernder roter Schriftzug das Betreten verbietet. Bisher hatte der Genesende
aber weder die Veranlassung noch ein größeres Interesse daran,
nähere Erkundigungen über Sinn und Zweck dieses Ortes einzuziehen.
Dies änderte sich allerdings schlagartig,
als im Verlauf einer ärztlichen Visite eher beiläufig ein Besuch
desselben gewünscht und auf dessen enorme, ja geradezu fundamentale
Bedeutung hingewiesen wurde. Irritierend war auch der gemurmelte Hinweis,
unbedingt mit voller Blase gleichzeitig aber auch völlig entspannt
auf ganz natürlichem und direktem Wege dort eine erste "Funktionsprüfung"
vorzunehmen.
Hat der Patient das Uroflow erst einmal
betreten, vermittelt ihm ein nicht näher zu lokalisierendes Summen
und schmatzende, zeitweise auch gurgelnde Geräusche, das
Gefühl einer insgesamt irritierenden und bedrückenden Atmosphäre.
Erste Panik kommt auf, weil sich die
Tür nicht schließen lässt. Schon so mancher arme Teufel
hat nämlich dort einen völlig unerwarteten Kreislaufkollaps erlitten.
In diesem Fall ertönt dann ein Alarmton und das herbeigeeilte Pflegepersonal
kümmert sich routiniert um den Unglücklichen.
Bedingt durch den enormen Stress, eine
unter Umständen wochenlang blockierte Leitung wieder in Betrieb setzen
zu müssen, ist das Gehirn offenbar nicht fähig sich da völlig
rauszuhalten und einfach laufen zu lassen, was laufen soll.
Gebieterisch fordert ein unübersehbarer
Text übrigens noch dazu auf, den alles entscheidenden Vorgang ausschließlich
nur im Sitzen zu absolvieren. Zu diesem Zweck gibt es normalerweise eine
Klobrille. Wer aber jetzt unter ihr das vertraute Becken erwartet, wird
enttäuscht. Vielmehr lauert ein überdimensionierter Trichter
leise vibrierend auf ein messbares Ergebnis. Ein mit ihm verbundener ungewöhnlich
dicker Schlauch verläuft in einigen Kringeln nach unten und verschwindet
im Fußboden.
Wer jetzt noch einigermaßen entspannt
Platz genommen hat verfügt wahrlich über starke Nerven. Der Erwartungsdruck
auf den Patienten ist ungeheuer und führt erfahrungsgemäß
beim ersten Mal bei fast allen Probanden zu einem sogenannten "kontrollierten
Abbruch". So auch bei unserem Herrn L., der ganz geknickt und übrigens
im wahrsten Sinn des Wortes "am Boden zerstört" war. Er hatte große
Mühe, nach seiner erfolgreich verlaufenen Wiederbelebung seine Enttäuschung
zu überwinden.
Im Laufe der nächsten Stunden wurde
der wiederholte Besuch des Uroflows für ihn zum Albtraum und an eine
entspannte Sitzung war nicht mehr zu denken. Hinzu kam eine in ihrer Tragikomik
kaum zu überbietende Szenerie.
Eine schier endlose Prozession alter
Männer trippelte oder schlich in den mit allerlei medizinischem Gerät
vollgestopften Gängen und Fluren der Station umher. Viele der Patienten
waren mit ihren jeweiligen Urinbeutelchen fest verbunden, die sich nur
durch den Farbton ihres Inhaltes voneinander unterschieden und so dem Kundigen
sofortigen Aufschluß über den genauen Zeitpunkt der bereits
erfolgten Operation vermittelten.
Es gab die Schamhaften, die ihren wichtigen
Begleiter unter dem obligatorischen Bademantel versteckt hatten. Aber es
gab auch die Stolzen, deren ganz offen getragener Beutelinhalt fast schon
wieder in normalen Farben schimmerte. Und die allerdings nicht ahnten,
was in den nächsten Tagen für ein furchtbares Horror-Szenario
auf sie zukommen würde.
Vereinzelt irrten auch ganz normale
Besucher umher, die beim Anblick einiger besonders roter Beutel, was auf
eine erst kürzlich überstandene Operation hindeutete, schaudernd
die Augen niederschlugen und mit eiligen Schritten dem Ausgang zustrebten.
Alle Zurückgebliebenen aber blickten verstohlen und voller Neid auf
die vermeintlich Glücklichen, die ohne "Zubehör" lässig
umherschlenderten, um nach einer gewissen Zeit dann wie zufällig nacheinander
hinter der Tür des Uroflows zu verschwinden.
Seit einiger Zeit war der einzige Stuhl
gegenüber fast ständig besetzt und Herr L. musterte mit einem
leidvoll erworbenen Kennerblick die Heraustretenden, beziehungsweise die
hinaus Getragenen. Letztere erregten verständlicherweise sein besonderes
Mitgefühl und seine Anteilnahme. Er hatte das tröstende Gefühl,
diesem seelenlosen Ungeheuer nicht allein ausgeliefert zu sein.
Nachdenklich saß er auf seinem
Platz und ganz allmählich reifte in den folgenden Stunden bei ihm
ein zunächst noch unbestimmter Gedanke zu einem wahrhaft genialen
Plan, der nur noch getestet und zu gegebener Zeit ausgeführt werden
mußte.
Es ist ruhig auf der Station Uro 1 um
5 Uhr am Morgen und Nachtschwester Bärbel hat gerade ihren letzten
Kontrollgang beendet. Gleich wird sie den üblichen Bericht in der
"Teeküche" bei gedämpfter Musik und dem Genuß einer starken
Tasse Kaffee zu Ende schreiben.
Am Ende des langen Flures wird vorsichtig
die Tür von Nr. 4035 geöffnet und ein Mann - angetan mit einem
hier um diese Zeit üblichen kurzen Nachthemdchen - tritt vorsichtig
heraus und eilt mit schnellen Schritten zum Ort seiner traumatischen Niederlagen.
Energisch und voll finsterer Gedanken
betritt er den Vorhof zur Hölle. In der etwas zitternden rechten Hand
hält er eine halbvolle Flasche. Der Inhalt besteht aus eigener Produktion
und ist so klar wie geschliffener Bernstein. Er soll, so ist es geplant,
unter exakter Berücksichtigung ganz bestimmter Intervalle von unterschiedlicher
Dauer und Quantität in den heimtückisch vibrierenden Schlund
des Ungeheuers geschüttet werden, um dadurch ein ideales Ergebnis
zu simulieren. Doch plötzlich überkommt ihn mit Urgewalt ein
unwiderstehlicher Drang, sich ganz entspannt hinzusetzen und den Dingen
ihren natürlichen Lauf zu lassen.
Später wundert sich die Frühschicht
über eine offensichtlich nur zur Hälfte ausgetrunkene Flasche.
Sie steht auf dem Boden des Uroflows und sieht aus, als könne sie
kein Wässerchen trüben.
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Nr. 4
Von Tauben, Falken und
Granaten
Selbstreproduzierende
Kleinflugkörper. Horror-Vision einer neuen Wunderwaffe.
Ausgerechnet die Brieftaube, seit urdenklichen
Zeiten ein Symbol des Friedens und der Liebe, soll in naher Zukunft zu
militärischen Zwecken eingesetzt werden.
Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten
Kreisen zu hören ist, plant ein Staat, der in Bezug auf die Anwendung
von Massenvernichtungswaffen zur Durchsetzung seiner Machtansprüche
noch nie Skrupel gekannt hat, künftig in großem Stil den Einsatz
von Brieftauben.
Hinter vorgehaltener Hand wird von
zunächst eintausend so genannten Kleinkalibrigen Marschflugkörpern
gemunkelt. Oder KM, wie es im Militärjargon knapp und bündig
heißt.
Normalerweise kehren Brieftauben nach
ihren Ausflügen immer zu ihren heimischen Verschlägen zurück.
Fieberhaft wird nun in geheimen Forschungslabors daran gearbeitet, dieses
Verhalten zu eliminieren, weil aus bestimmten Gründen eine Rückkehr
nicht wünschenswert ist und im Falle einer Zündverzögerung
fatale Folgen für die eigenen Streitkräfte zu erwarten wären.
Extrahierte und entsprechend aufbereitete
Gene japanischer Kamikaze-Piloten, die sich im Zweiten Weltkrieg in selbstmörderischer
Absicht auf amerikanische Kriegsschiffe stürzten, sollen übrigens
bei der Züchtung dieser neuen Wunderwaffe eine nicht unerhebliche
Rolle gespielt haben.
Ein Kampfverband von entsprechend programmierten
Vögeln soll nämlich bald in der Lage sein, militärische
und zivile Ziele auszuspionieren, anzugreifen und zu vernichten.
Nach dem Motto: „Gemeinsam sind wir
stark!“, schließen sich die Tiere kurz vor dem Ziel eng zusammen
und nach einem Sturzflug aus geringer Höhe ist alles vorbei. Vorher
hat eine sogenannte „fliegende Vorhut“, die eine spezielle Ausbildung erhielt,
eine genaue Zielansprache, bzw. Zielerkennung ermöglicht.
Pro KM reichen ja nur wenige Gramm
Nitroglyzerin oder einige Tropfen der neuesten Nervengifte völlig
aus. Sie befinden sich in speziellen Kapseln am Körper der tierischen
Bomber. Beim Aufprall im Zielgebiet verstreuen sie augenblicklich ihren
Tod und Verderben bringenden furchbaren Inhalt.
Aus militärischer Sicht liegen
die Vorteile der neuen Waffe allerdings klar auf der Hand. Die Betriebskosten
pro KM sind äußerst gering. An Verpflegung reichen etwa 35 Gramm
Körnerfutter pro Tag völlig aus. Kosten, z.B. für Uniformen
und Sold, entfallen natürlich.
Weitere Vorteile, die für ihren
Einsatz sprechen: Eine Ortung durch gegnerisches Radar ist nicht möglich.
Es gibt auch keine Befehlsverweigerungen. Verluste werden leicht durch
Neuzugänge aus Massenzucht ersetzt, da voll taugliche Tiere im Gegensatz
zu menschlichen Soldaten schon in wenigen Monaten zum Einsatz gebracht
werden können - als selbstreproduzierende Kleinflugkörper im
wahrsten Sinn des Wortes!
Im Vergleich zu ihren Waffenbrüdern,
den hinreichend bekannten so genannten Großkalibrigen Marschflugkörpern,
wie z.B. Raketen, ist daher bei einem Einsatz der KM von phänomenal
niedrigen Stück- und Betriebskosten auszugehen.
Doch es gibt keine Angriffswaffe, die
nicht in kurzer Zeit durch eine entsprechende Verteidigung neutralisiert
wird.
Ausgerechnet der Falke, seit urdenklichen
Zeiten ein Symbol für kriegerisches Verhalten, und ein von den Tauben
schon immer gefürchteter Feind, soll in Zukunft als Leichter Kleinflugkörper,
kurz LK genannt, zum Einsatz kommen. Da bei einem Falken keine komplizierten
und aufwendigen Umprogrammierungen nötig sind - er darf einfach so
sein, wie er ist - kann schon bald seine Produktion auf eine zur erfolgreichen
Abwehr der KM unbedingt erforderliche Höhe gefahren werden. Man spricht
fürs erste von fünfhundert LK.
Allerdings sind bei ihnen die zu erwartenden
Stück- und Betriebskosten etwas höher zu veranschlagen. Falken
fressen mehr und sind auch bei der Aufzucht ihrer Jungen etwas eigensinnig.
Im Hinblick auf den Jagderfolg ist dies aber als zweitrangig anzusehen;
zumal für einen Falken die Eliminierung von 4 bis 5 Tauben schon in
der Luft - weit vor dem Angriffsziel - kein Problem bedeutet. Einschlägige
Erfahrungen liegen bereits vor, und wunderschöne Videoaufzeichnungen
belegen eindrucksvoll die Leistungskraft und elegante Kampfweise dieser
„Ritter der Lüfte“.
Ein kleines Problem am Rande ist allerdings
noch nicht befriedigend gelöst. Die sorglose Entsorgung der nicht
zum Einsatz gekommenen oder verirrten kleinkalibrigen Marschflugkörper
mit ihren todbringenden Kapseln ist noch nicht gewährleistet. Doch
in Bezug auf den Schutz der Umwelt wurde schon immer gesündigt und
auch Militärs machen sich nur selten über die Folgen ihrer Taten
Gedanken.
Für den schon erwähnten Staat
wäre das alles natürlich auch ein Verkaufsschlager ersten Ranges,
der aber im Hinblick auf die Erhaltung eines „Gleichgewichts des Schreckens“
immer nur im Doppelpack angeboten werden sollte!
© Copyright by Fred
Lang
Die
vorstehende Geschichte liest der Autor höchstselbst. Sie kostet nur
7 Euro incl. Versand!
Bitte
bei der Bestellung den Titel im "Betreff" der Mail angeben. Danke!
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